Sächsische IT-Unternehmen bauen seit Jahren nahezu unbemerkt die Bausteine eines Technologie-Stacks für digitale Infrastrukturen auf, ohne dass dieses Ökosystem einen Namen hatte. Jetzt hat es einen: den Sachsen-Stack.
Die IT-Welt liebt gut durchdachte Technologie-Stacks, und das aus gutem Grund. Ein Stack beschreibt eine Sammlung von Komponenten, die nahtlos zusammenarbeiten und bei denen jede Ebene auf der darunterliegenden aufbaut, um vollständige Lösungen bereitzustellen. Da Cloud-Infrastrukturen und digitale Dienste immer komplexer werden und die Zahl verfügbarer Technologien, Plattformen, Standards und Anbieter stetig wächst, ist die Auswahl der richtigen Kombination zu einer eigenen Herausforderung geworden. Deshalb erfahren kuratierte Technologie-Ökosysteme (wie etwa die Deutschland-Stack Initiative) derzeit große Aufmerksamkeit: Sie helfen dabei, Komplexität zu strukturieren und Orientierung beim Aufbau zuverlässiger digitaler Lösungen zu geben.
Ein Technologie-Stack besteht jedoch aus weit mehr als seinen technischen Komponenten. Hinter jeder Technologie, jeder Anwendung und jeder Infrastrukturebene stehen Menschen und Organisationen, die diese Lösungen entwickeln, integrieren und betreiben. Genau hier setzt der Sachsen-Stack an.
Was ist der Sachsen-Stack?
Beginnen wir mit dem, was er nicht ist: kein neuer Standard, der mit bestehenden konkurriert, keine neue Spezifikation und auch kein Versuch, bereits etablierte Technologien neu zu erfinden.
Stattdessen umfasst der Sachsen-Stack die Technologien, Produkte, Kompetenzen und Angebote sächsischer Unternehmen, die gemeinsam überraschend große Teile einer modernen, souveränen digitalen Infrastruktur abdecken – von Hardware über Cloud-Infrastruktur und Cloud-Plattformen bis hin zu Anwendungen, Cybersicherheit, Beratung und Betrieb. Er zeigt, welchen Beitrag Sachsen bereits heute zur digitalen Infrastruktur leistet, und erinnert daran, dass Innovation nicht nur in den Zentralen internationaler Hyperscaler oder globaler Tech-Hubs entsteht. Sondern ebenso in Dresden, Leipzig oder Chemnitz – auch die Region, die der Welt unter anderem die Zahnpasta, den Kaffeefilter, die Milchschokolade und den Büstenhalter geschenkt hat.
Mit anderen Worten: Der Sachsen-Stack ist kein abstraktes Konzept auf einer Präsentationsfolie, sondern eine Sammlung realer Lösungen, die bereits bei Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen im Einsatz sind. Er ist organisch aus der Forschungs-, Entwicklungs- und Produktarbeit hochkompetenter, erfahrener und eng zusammenarbeitender Unternehmen in Sachsen entstanden. Diese Unternehmen haben sich inzwischen im Unternehmensverband Digitalwirtschaft Sachsen zusammengeschlossen, um die Stärke sächsischer Digitaltechnologien und ihr Potenzial für öffentliche Einrichtungen und Unternehmen sichtbarer zu machen.
Der Verband hat zunächst lediglich einem bereits bestehenden Phänomen einen Namen gegeben. Ursprünglich als Arbeitsbegriff für das gemeinsame Leistungsportfolio eingeführt, hat sich der Begriff Sachsen-Stack inzwischen etabliert und wird vom Verband sowie seinen Mitgliedern genutzt, um sichtbar zu machen, wozu die Region technologisch in der Lage ist.
Als Gründungsmitglied bringt Cloud&Heat Technologies seinen eigenen Baustein in diesen regionalen Stack ein: energieeffiziente Rechenzentrumsinfrastruktur, Open-Source-basierte Cloud-Services und Appliances für On-Premises-Umgebungen sowie die Betriebs- und Entwicklungskompetenz, um diese Lösungen zuverlässig bereitzustellen. Das ist ein Beispiel dafür, wie der Sachsen-Stack in der Praxis aussieht, aber längst nicht das einzige.
„Noch ein Stack?“ – Nicht ganz.
Wenn eine neue Initiative vorgestellt wird, lautet die erste Reaktion häufig: „Noch ein Stack. Brauchen wir den wirklich?“
Im Fall des Sachsen-Stacks lautet die Antwort: nein, es ist keine konkurrierenden Architektur. Der Sachsen-Stack versteht sich ausdrücklich nicht als Alternative zu Initiativen wie dem Deutschland-Stack. Das Verhältnis beider Konzepte ist komplementär, nicht konkurrierend.
Der Deutschland-Stack schafft die gemeinsame Grundlage für digitale Lösungen in Deutschland: ein Framework interoperabler, souveräner und offener Bausteine und Standards. Der Sachsen-Stack macht hingegen die Unternehmen, Kompetenzen und Produkte sichtbar, die diese Bausteine bereits heute liefern. Anders formuliert: Der Deutschland-Stack beschreibt die Architektur; der Sachsen-Stack zeigt ein Ökosystem, das sie aufbaut.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn ein Stack besteht nicht nur aus Technologie, sondern benötigt auch Organisationen, die ihn entwickeln, integrieren und betreiben. Viele Unternehmen in Sachsen sind genau in diesen Bereichen aktiv. Ihre Lösungen passen bereits heute hervorragend zu zentralen Komponenten des Deutschland-Stacks – insbesondere auf der Infrastrukturebene. Open-Source-Technologien wie OpenStack und Kubernetes sowie Standards wie der Sovereign Cloud Stack (SCS) bilden bereits heute die Grundlage für Angebote, die Teil des Sachsen-Stacks sind.
Die eigentlich interessante Erkenntnis lautet daher nicht, dass Sachsen einen alternativen Stack geschaffen hätte. Vielmehr zeigt sich, dass viele der Bausteine für eine souveräne digitale Infrastruktur bereits vorhanden sind: Cloud-Infrastruktur und Open-Source-Kompetenz, Identitäts- und Sicherheitslösungen, Automatisierung, Netzwerk- und Speichertechnologien, Hardware, Schulungsangebote, KI-Plattformen sowie Beratungs- und Betriebsleistungen. Der Sachsen-Stack macht dieses Ökosystem lediglich sichtbar und erleichtert seine Vernetzung.
Die Geografie digitaler Souveränität
Über digitale Souveränität wird häufig so gesprochen, als beginne sie mit komplexen Architekturdiagrammen. Tatsächlich hängt sie jedoch von etwas deutlich Greifbarerem ab: von Menschen, die Systeme entwickeln und betreiben können, von Unternehmen, die in zukunftsfähige Technologien investieren, von Teams, die Supportverträge abschließen und von denen, die diese Leistungen zuverlässig erbringen.
Sachsen verfügt über eine bemerkenswert hohe Dichte genau dieser Kompetenzen, auch wenn sie nicht immer die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen: Cloud-Anbieter, Anwendungsentwickler, Systemintegratoren, Open-Source-Mitwirkende, Forschungseinrichtungen und Beratungshäuser arbeiten hier eng zusammen. Einige entwickeln Infrastruktur, andere Plattformen oder Anwendungen. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass digitale Infrastrukturen auch am Montagmorgen zuverlässig funktionieren.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil, der in Architekturdiagrammen kaum sichtbar wird: räumliche Nähe. In einem regionalen Ökosystem kennen sich die Partner, Projekte finden schneller geeignete Zulieferer, und aus Ideen werden leichter marktfähige Produkte. Regionalität löst technische Herausforderungen nicht automatisch – doch wenn Expertise räumlich konzentriert ist, wird Zusammenarbeit deutlich einfacher.
Wie geht es mit dem Sachsen-Stack weiter?
Einem bestehenden Ökosystem einen Namen zu geben, war nur der erste Schritt. Der Unternehmensverband Digitalwirtschaft Sachsen arbeitet nun daran, die Nutzung des Sachsen-Stacks sowohl innerhalb Sachsens als auch darüber hinaus voranzutreiben.
Anfang Juli veranstaltete der Verband einen Kick-off-Workshop in Leipzig. Dort wurden einer ausgewählten Gruppe regionaler Organisationen Anwendungsfälle mit nationalen und regionalen öffentlichen Einrichtungen vorgestellt sowie Ideen für weitere Leuchtturmprojekte diskutiert.
Das Ziel ist nicht nur mehr Sichtbarkeit, sondern vor allem bessere Vernetzung: Öffentliche Einrichtungen und Unternehmen sollen leichter die passende Kombination sächsischer Anbieter für ihre individuellen Anforderungen finden. Gleichzeitig sollen Unternehmen erkennen können, wie sich ihre eigenen Angebote sinnvoll ergänzen. Der Verband setzt diesen Weg konsequent fort. Neben gemeinsamen Auftritten auf mehreren kommenden Veranstaltungen plant er für Anfang Oktober zudem eine eigene Konferenz.
Der Sachsen-Stack musste nicht neu erfunden werden. Er musste lediglich einen Namen bekommen, sichtbar gemacht und miteinander vernetzt werden. Genau diese Arbeit hat jetzt begonnen.